This is America - People and Places
Montag, 18. November 2019
764 Meilen in zehneinhalb Stunden
Sonntag, 17.11.
Unser Wecker klingelte um sechs, wir waren aber schon wach. Um sieben wollten wir gern losfahren. Aber so schnell waren wir dann doch nicht. Außerdem nahmen wir noch kurz Abschied vom Turtle Beach in der Morgendämmerung, ehe wir 7:15 Uhr ins Auto stiegen. (Falls sich jemand fragt, wieso ich keine Schildkröten erwähnt habe - die Saison, in der die sich dort blicken lassen, endet im Oktober.) Ich wollte heute mehr als die Hälfte der Strecke nach Chicago hinter mich bringen, und obwohl Google zehneinhalb bis elf Stunden für den Abschnitt bis Nashville errechnet hatte, als reine Fahrtzeit, hatte ich am Abend noch eine Unterkunft dort gebucht, damit rechnend, im Dunkeln und ziemlich geschafft anzukommen, aber es bis dorthin zu schaffen. Am Vormittag fuhr es sich sehr gut, die Interstate 75 war nicht sehr voll, und es gab viele, die deutlich schneller fuhren als erlaubt, da konnte man sich gut einreihen ohne aufzufallen. Außerdem ließ ich die Waze-App laufen. Circa aller zwei Stunden legten wir eine Minipause ein – entweder zum Tanken oder zum Pinkeln. Wir tankten drei Mal, insgesamt für 85 Dollar. Obwohl ich fast durchgängig deutlich über dem Speed-Limit fuhr, verkürzte sich unsere errechnete Ankunftszeit nicht. Ich fragte mich, auf welcher Grundlage Google die errechnet hat. Bei Einhaltung der Geschwindigkeitsbegrenzung hätten wir das nie und nimmer in der Zeit schaffen können. Und das war wiederholt so hier in den USA, während ich in Deutschland immer schneller bin als von Google errechnet. Schon merkwürdig. Auch im Straßenverkehr ist hier einiges ein bisschen anders, das erwähne ich angesichts des „Fahrtages“ vielleicht mal: Das Wichtigste, was zu beachten ist, ist die Ampelstellung. Ich meine nicht die Farben, sondern den Standort. Sie stehen nämlich hinter der Kreuzung und nicht davor, was einen leicht dazu verführen kann, bei Rot auf die Kreuzung zu fahren, weil man bis an die Ampel heranfahren will. Vielerorts sind sie aber auch vor und hinter der Kreuzung angebracht. Das zweite Besondere sind Kreuzungen mit vier Stopp-Schildern, mit dem Zusatz „ALL WAY“ – im Grunde genommen also gleichrangige Straßen, die extra gekennzeichnet sind. Hier gilt: Wer zuerst heranfährt, ist zuerst dran. (Man muss aber unbedingt an jedem Stopp-Schild auch anhalten, auch wenn die oft so doof stehen, dass man von da aus gar nichts einsehen kann.) Die Ankomm-Regel kann man natürlich unterschiedlich offensiv interpretieren. Wenn man gleichzeitig ankommt, soll rechts vor links gelten. Aber erfahrungsgemäß gilt: Wer zögert, muss halt warten ... Dann gibt es da noch die dreispurigen Straßen. Die Außenspuren sind jeweils einer Fahrtrichtung vorbehalten, und die mittlere Spur, die „center lane“ , dient vor Kreuzungen als Linksabbiegerspur und hinter Kreuzungen erlaubt sie Linksabbiegern, die auf die Straße kommen, sich in den fließenden Verkehr einzuordnen. Das funktioniert super und macht das Linksabbiegen um einiges leichter. Des Weiteren gibt es im Umfeld großer Städte sogenannte HOV-Lanes. HOV steht für „high occupancy vehicle“, Fahrzeuge mit großer Besatzung sozusagen. Diese linken Fahrspuren sind meist in den Stoßzeiten innerhalb der Woche reserviert für Autos mit zwei oder mehr Insassen. Seit also Helene bei mir mitfährt, darf ich diese Spuren auch benutzen ☺ Mehrspurige Straßen haben hier ja auch gern mal sechs Spuren pro Richtung an manchen Stellen, da muss man dann aufpassen, die richtige zu nehmen. Das gilt auch für die Mautstraßen (toll roads), jedenfalls, wenn man Maut vermeiden will. Ich fahre ja ohne automatische Mautzahlung, weil die Miete für das Gerät elend hoch gewesen wäre. Außerdem gibt es kein USA-einheitliches System. Hier im Süden nutzt einem ein Gerät aus dem Norden nämlich gar nichts. Spuren auf Interstates sind auch so ein Thema. Es gibt hier kein Rechtsfahrgebot, und man darf auch rechts überholen. Daran kann ich mich bis heute nicht so recht gewöhnen, auch wenn ich das mittlerweile öfter gemacht habe, weil man sonst eben ggf. festhängt. Was mir hier wiederum gefällt, ist die Möglichkeit, grundsätzlich bei Rot rechts abbiegen zu dürfen, es sei denn ein Schild verbietet es ausdrücklich. Viele Erklärungsschilder gibt es hier manchmal – oft zu scheinbar selbstverständlichen Dingen wie „Brücke gefriert vor der Straße" oder „Sicht ist durch Hügelkuppe begrenzt“ oder ähnliches. Insgesamt, muss ich sagen, finde ich das Fahren hier recht entspannt. Und von der langen Rückfahrt und kleinen Ausnahmen mal abgesehen bin ich sonst auch nur max. 5 mph zu schnell gefahren. Ich habe versucht, mich hier anzupassen und nicht aufzufallen. Ist bis jetzt gelungen. Zurück zu heute: Wir durchquerten Georgia. Bei schönstem Sonnenschein und bis zu zwanzig Grad dort. Viel zu bieten hat Georgia aber, glaube ich, nicht. Wir sahen Werbung für ein Landwirtschaftsmuseum, für ein Baumwollmuseum, für Obstplantagen und für Jagd, und wir sahen zwei Konförderiertenflaggen. Fairerweise muss ich zugeben, dass eine davon noch auf nordfloridianischem Boden wehte. Neben der Interstate wuchs auch Baumwolle bzw. lag abgeerntete herum, Wald und Feld wechselten sich ab. Atlanta – wir fuhren mittenhindurch, da stockte es natürlich etwas – ist die einzige große Stadt in Georgia. Schließlich erreichten wir Tennessee. Die Landschaft wurde gleich hügeliger, es gab Seen und Wald, wir überquerten den Tennessee River. Und genau wie von Google errechnet, um 16:50 Uhr, parkten wir am Hotel (nach floridianischer Zeit 17:50). Der Himmel verfärbte sich gerade, aber es war zumindest noch nicht dunkel. Wir checkten ein in unser großzügiges Zimmer mit zwei Queensize-Betten. Klingt jetzt vielleicht nach Verschwendungssucht auf den letzten Metern, aber das Zimmer war billiger als ein einfaches Doppelzimmer (wegen Genius-Upgrade bei Booking.com) und 11,5 $ billiger als unser Zeltstellplatz am Turtle Beach! Es war das preiswerteste in ganz Nashville. Hier waren heute 13 Grad, in der Nacht werden es zwei Grad werden. In Chicago werden es morgen tags maximal vier Grad, nachts null. Aber Temperaturänderungen sind wir ja schon gewöhnt. Morgen liegen noch 483 Meilen vor uns, die wir hoffentlich in den angegebenen 7 ¼ Stunden schaffen werden.

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